Das Mittelmeer ist seit Jahrtausenden ein Ort des Handels, der Begegnung und des kulturellen Austauschs. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat es sich zunehmend zu einer der tödlichsten Fluchtrouten der Welt entwickelt. Tausende Menschen verlieren hier jedes Jahr ihr Leben auf der Suche nach Schutz, Sicherheit oder einer besseren Zukunft. Die Geschichte der Seenotrettung im Mittelmeer ist deshalb nicht nur eine maritime, sondern vor allem eine humanitäre und politische Geschichte.
Bereits in der Antike galt auf See ein ungeschriebenes Gesetz: Wer in Not ist, dem wird geholfen. Dieses Prinzip ist bis heute im internationalen Seerecht verankert. Kapitäne sind verpflichtet, Menschen in Seenot zu retten – unabhängig von Herkunft, Nationalität oder rechtlichem Status. Lange Zeit wurde diese Aufgabe vor allem von Handelsschiffen, Fischern und staatlichen Küstenwachen übernommen.
Mit den zunehmenden Fluchtbewegungen ab den 1990er-Jahren, verstärkt nach den Umbrüchen im Nahen Osten und in Nordafrika ab 2011, änderte sich die Situation grundlegend. Überfüllte, seeuntüchtige Boote wurden zum Symbol einer humanitären Krise vor Europas Haustür. Besonders dramatisch war das Jahr 2013, als vor der italienischen Insel Lampedusa mehrere hundert Menschen bei einem Schiffsunglück starben. Das Entsetzen darüber führte zur italienischen Seenotrettungsmission „Mare Nostrum“, die zehntausende Menschen aus Seenot rettete.
Nach dem Ende staatlicher Großmissionen traten zunehmend zivile Organisationen auf den Plan. Initiativen wie Sea-Watch, SOS Méditerranée oder Ärzte ohne Grenzen charterten eigene Schiffe, sammelten Spenden und schickten Freiwillige aufs Meer. Ihr Ziel: Leben retten, wo staatliche Hilfe fehlte. Die zivile Seenotrettung wurde damit zu einem festen Bestandteil der Rettungsarbeit – und zugleich zum Gegenstand heftiger politischer Debatten.
Kritiker warfen den Organisationen vor, als „Pull-Faktor“ zu wirken und Migration zu fördern. Befürworter hielten dagegen, dass es keine Alternative zur Rettung von Menschenleben gebe. In vielen europäischen Ländern verschärfte sich der Ton: Häfen wurden geschlossen, Schiffe festgesetzt, Crews kriminalisiert. Die Seenotrettung geriet so immer stärker zwischen humanitären Anspruch und migrationspolitische Abschottung.
Heute steht die Seenotrettung im Mittelmeer exemplarisch für einen grundlegenden Konflikt: den zwischen moralischer Verantwortung und politischem Kalkül. Während internationale Organisationen weiterhin auf die Einhaltung des Seerechts pochen, bleibt eine umfassende europäische Lösung aus. Für die Menschen auf den Booten jedoch zählt nur eines – dass ihr Notruf gehört wird.
Die Geschichte der Seenotrettung im Mittelmeer ist noch nicht zu Ende geschrieben. Sie ist eine Geschichte von Mut und Mitmenschlichkeit, aber auch von Versäumnissen und Streit. Vor allem erinnert sie daran, dass hinter jeder Statistik ein menschliches Schicksal steht – und ein leises, oft verzweifeltes „SOS“ auf offener See.

